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„Das machen wir zusammen!“

Die Entstehung eines Gemeinschaftsprojekts

Eine dörfliche oder kleinstädtische Gemeinschaft weist in ihren Reihen üblicherweise eine ganze Zahl von Sängerinnen und Sängern, Musikerinnen und Musikern auf. Doch so homogen, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, präsentiert sich dieses Gruppe in der Praxis nicht, denn allein schon organisatorisch reicht die Bandbreite von solitären Künstlern über mehr oder weniger lose Formationen bis hin zu großen Gesang-, Musik- und Theatervereinen. Daneben ist eine unterschiedlich ausgeprägte Genre-Barriere zu beobachten, die, unabhängig von der Organisationsform, Klassiker üblicherweise daran hindert mal einfach so mit Rockern zusammen aufzutreten. Auch Profimusiker reißen sich nicht immer darum gemeinsam mit Amateuren auf einer Bühne zu stehen.

Auch Hagenbach kommt leicht auf 300 aktive SängerInnen und MusikerInnen, was gute 5 % der Bevölkerung ausmacht. Ein Musikverein ist hier beheimatet, ein Fanfarenzug, eine voluminöse Guggemusik-Truppe und neuerdings sogar wieder ein Akkordeonorchester. Daneben lebt und wirkt eine ganze Reihe hervorragender Instrumentalsolisten klassischer Prägung in Hagenbach, auch eine Rockband mit schon etwas in die Jahre gekommenen Musikern hat ihren Schwerpunkt hier. Die personell stärkste Gruppe bilden jedoch die fünf traditionsreichen Gesangvereine mit ihren zusammen neun Chören, die im Laufe ihrer abwechslungsreichen Geschichte in gewisser Weise auch eigene Identitäten herausbildeten.

Trotz dieser heterogenen Strukturen musste sich zwangsläufig irgendwann bei irgendjemandem der Gedanke einstellen, einen möglichst großen und repräsentativen Querschnitt der Hagenbacher Musikszene in einem musikalischen Projekt zusammenzubringen. Ein identitätsstiftender Aufhänger war in Form der alten Hagenbacher Sage von der Stadtmadam schnell gefunden, als sich Edith und Klaus Prinz in einer langen und kalten Dezembernacht im Jahr 2009 mit dieser Idee erstmalig beschäftigten. Ist es möglich, diese alte Sage, etwas aufgehübscht und mit einem Melodienreigen von Frühbarock bis in die Moderne ausgestattet, von Hagenbacher SängerInnen gesungen und Hagenbacher MusikerInnen und begleitet im Kulturzentrum auf die Bühne zu bringen? Als am nächsten Morgen die Idee immer noch da war, begab man sich streng methodisch an die Realisierung. Doch wie stellt man ein solches Projekt auf die Beine?

Am nächsten Abend trafen die beiden zufällig die Hagenbacher Flötistin Heidrun Paulus mit ihrem Mann Bernd und sie berichteten auf gut Glück von der Idee. Heidrun Paulus meinte, „Das klingt so verrückt, das könnte klappen.“ Die beiden Violinisten Etleva Mema und Henning Otte mussten ins Boot, der alte Chorhaudegen und Stadtkantor Georg „Schorsch“ Hepp, Gisela Buchlaub, Herrin über Dutzende von Kostümen, Erich Winter vom Musikverein Rheingold, Heiko Schlechte, weil dessen Verein ein Bühnenbild besaß und eine historische Tanztruppe betreibt, sowie Eberhard „Tom“ Reinecke als Herr des Druckwesens. Auch Bürgermeister Franz Xaver Scherrer war sofort dabei und sagte jegliche Unterstützung zu.

Während Heidrun Paulus und Georg Hepp sich um die Auswahl der Melodien kümmerten, begann Bernd Paulus das Libretto auszuarbeiten. Rollen wurden festgelegt, Besetzungslisten diskutiert und bei den SolistInnen angeklopft. Fest stand von Anfang an Sabine Deutsch als Stadtmadam, die auch prompt zusagte, wohl noch nicht ahnend, worauf sie sich da einließ. Die restlichen Solistenrollen wurden nach und nach besetzt, gelegentlich auch wieder umbesetzt.

Schorsch Hepp und Klaus Prinz tingelten derweil zu den Chören. Da waren die dicksten Bretter zu bohren und es zahlte sich aus, dass mit Franz Xaver Scherrer quasi die Stadt dahinter stand und nicht etwa ein einzelner Chor. Trotz allen Bemühens blieb in einem Brett auf den letzten Millimetern der Bohrer stecken. Dennoch bildete sich ein Chorensemble mit zusammen 35 Personen, das in rund 30 Chorproben das Repertoire erarbeitete. Die besondere Herausforderung liegt darin, dass die Sängerinnen und Sänger es lernen müssen ohne Dirigenten zu singen.

Ein Bühnenensemble bestehend aus Flöte, Klarinette, 5 Geigen, Cello und Klavier wurden zusammengestellt, Heidrun Paulus und Klaus Prinz schrieben die Arrangements, erstere komponierte sogar eigens eine Arie für die Stadtmadam: „Die Furienarie“. Ein großes Finale aus dem 4. Satz von Beethovens Neunter Sinfonie wurde eigens arrangiert, in dem neben drei Solisten an Trompeten und Posaune auch das komplette Blasorchester zum Einsatz kommt, beide Chöre, das Bühnenensemble sowie alle Solisten. Das werden dann zusammen 90 Personen sein.

Mit all den Helfern zusammen, allein 24 Personen pro Veranstaltung in Küche und Ausschank, einem Fotografen, einem Videofilmer, einem Grafiker, einem Schildermaler, einem Bilderrahmenhersteller, einer Malerin, einem Schreinermeister, einem Tapezierer, den Bühnenbildmonteuren, einem Tontechniker, einer Moderatorin, einem Inspizienten, einem Souffleur und einer Souffleuse, einem Bühnentechniker, einer Maskenbildnerin, einer Kostümbildnerin, drei Näherinnen waren es zusammen wohl 130 Personen.